Religionswissenschaftliches Seminar

 

10.11.2011

Leserbrief von Christoph Uehlinger zur Sonderbeilage "Bildung und Erziehung" (NZZ vom 26.10.2011)

Religion und Kultur

Die Sonderbeilage "Bildung und Erziehung" (NZZ vom 26.10.2011) präsentiert nicht nur ein eindrückliches Panorama von Meinungen über und Erwartungen an das neue Schulfach "Religion und Kultur", sie bietet auch eine spannungsvolle Momentaufnahme religiöser Zeitgeschichte im Kanton Zürich. Die Lektüre des von Sekundarschullehrer Vonderhagen verfassten Beitrags, aber auch der Beiträge von Religionsvertretern lässt vermuten, dass das neue Schulfach - gewollt oder ungewollt - nicht nur das Wissen von Jugendlichen über Religion fördern, sondern zugleich auch zur Formung des Religiösen in der Zürcher Gesellschaft beitragen wird. Der Beitrag des Religionsphilosophen überrascht zunächst, weil dessen Disziplin ja nicht in die Entwicklung des neuen Schulfachs involviert ist, wirkt aber gerade deshalb (gleichsam als Kommentar aus dem Off) anregend. Bedürfte sein doppelt verneinendes Fazit (es sei weder pauschal vernünftig, nicht religiös zu leben, noch pauschal unvernünftig, es zu tun) aber nicht auch der ergänzenden Umkehrung (wonach es weder pauschal vernünftig sein dürfte, religiös zu leben, noch pauschal unvernünftig, dies nicht zu tun)? So ergänzt klänge es weniger apologetisch und könnte es vielleicht auch vom Vertreter der Religionslosen als Gesprächsangebot angenommen werden.

Die meisten Beiträge sind, einer Debatte angemessen, von Stakeholdern unterschiedlicher Interessenlage geschrieben. Einer scheint überzeugt, dass seine eigene Religionstradition (gemeint wohl: der Protestantismus) für das "Moderne-Projekt einer über sich selbst aufgeklärten Religion" die besten Voraussetzungen biete: eine These, mit der empirisch sich auseinanderzusetzen das neue Fach in der Sekundarschule durchaus Raum böte. Sich dann auch mit den Pfingstlern, Charismatikern und Fundamentalisten zu befassen, die jenen Königsweg der Vernunft offenbar nicht beschreiten wollen und "mit der zunehmenden Migration ( ... ) wieder in den schulischen Kontext einziehen"(!), vielleicht auch zu fragen, was jene Bewegungen und Gruppen für Menschen attraktiv machen kann, wäre für Jugendliche wohl ebenso interessant und auch für Religionslose unter ihnen durchaus lehrreich.

Wie ein Gespenst geistert durch einzelne Voten die Befürchtung, der Unterricht könnte "rein kognitiv" ausfallen und nur "die Oberfläche" der Religion tangieren, nicht aber deren Eigentliches zum Vorschein bringen. Der Beitrag aus der Praxis zeigt, dass die Jugendlichen selbst das schon richten werden. Der Religionswissenschaftier kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken, sind ihm doch derlei Vorhaltungen (wie auch jene, man könne sich mit dem Gegenstand Religion nur vermeintlich neutral befassen) als Vorbehalte gegen die eigene Disziplin zu Genüge bekannt. Dem Kulturwissenschaftler aber fällt bei der Lektüre dieser Sonderbeilage zu "Religion und Kultur" vor allem auf, dass die Votanten offenbar trefflich über Religion zu reden und zu schreiben wissen, über Kultur aber nahezu nichts sagen. Im Blick auf das neue Schulfach scheint mir diese Schieflage sowohl bildungstheoretisch als auch bildungspolitisch bemerkenswert.

Christoph Uehlinger, Zürich/Villars-sur-Glane

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