Tagung: Wie aus Kindern Juden werden: Religiöse Erziehung im Kontext von Haskala und Emanzipation

Mittwoch, 22. Juni – Donnerstag 23. Juni 2016

Judaica old Litho

Organisation

Dr. Dorothea M. Salzer (Sigi Feigel-Gastprofessorin für jüdische Studien)
lic. phil. Sarah Werren (Koordinatorin Sigi Feigel Gastprofessur für jüdische Studien)

Kontakt und Anmeldung

Sarah Werren
Kantonsschulstrasse 1
8001 Zürich
sarah.werren[at]uzh.ch
+41 44 634 09 33

Ort

Theologische Fakultät
Kirchgasse 9
8001 Zürich
Raum 200

ETCS-Punkte

Die Veranstaltung kann (auch nach Ablauf der Buchungsfrist) zu 2 Punkten gebucht werden. Siehe: www.vorlesungen.uzh.ch.

Programm / Flyer

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Inhalt

Der gesellschaftliche und politische Wandel der deutschsprachigen Aufklärung führte v.a. in deren Spätphase zu einer verstärkten Diskussion über Ziele und Methoden der Erziehung. Veränderungen im Wertesystem erforderten konstante Re-evaluationen und Modifikationen von pädagogischen Methoden und Zielen. Die Trennung der Erziehung von religiösen Institutionen und Traditionen war dabei genauso Thema wie die Erziehung zum nützlichen Bürger und Untertan. Diese Entwicklung hatte eine grundlegende Veränderung der deutschen Kinder- und Jugendliteratur zur Folge, innerhalb derer gerade die Literatur zur religiösen und sittlichbelehrenden Unterweisung durch eine inhaltlich wie formale Vielfältigkeit geprägt ist. Als ein gemeinsames Kennzeichen dieses Teiles der aufgeklärten Kinder- und Jugendliteratur ist jedoch eine starke Moralisierung und Betonung bürgerlicher Werte festzustellen.

Der Bereich der Erziehung ist auch einer der Bereiche, in denen die jüdische Modernisierung v.a. im deutschsprachigen Raum zuerst zum Tragen kam. Auf der Suche nach einem neuen Selbstverständnis waren Bildung und Identität, waren Erziehung und Reform für das Judentum der Zeit eng miteinander verwoben. Durch die Neukonzeption des jüdischen Lernens, die eine Orientierung auf säkulare Bildungsinhalte mit einschloss, wurde Religion zu einem Lehrgegenstand neben mehreren anderen und religiöse Unterweisung damit zur allgemeinen Bildungsaufgabe. Schon in den ersten modernen erziehungstheoretischen Abhandlungen des Judentums, den vier Sendschreiben Naftali Herz Wesselys (»Divre Shalom we-emet« – »Worte des Friedens und der Wahrheit« u.a.), wird daher über Inhalt und Umfang der religiösen Erziehung im Judentum diskutiert. Wessely, wie auch andere Theoretiker und Akteure der jüdischen Erziehungsreform, war dabei durchaus von der philanthropischen Bewegung beeinflusst, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die einflussreichste Strömung innerhalb der deutschsprachigen Pädagogik darstellte. Gleichzeitig aber kam gerade auch hinsichtlich der jüdischen Erziehung allgemein gesellschaftspolitischen und speziell emanzipatorischen Aspekten der Pädagogik große Bedeutung zu. Zudem waren die Forderungen von staatlicher Seite oft von Einfluss für die Ausprägung konkreter pädagogischer Vorhaben, insofern sie auf eine Verflechtung der religiösen Erziehung mit staatsbürgerlicher Räson zielten.

In diesem Spannungsfeld entstanden im ausgehenden 18. Jahrhundert nicht nur neue jüdische Curricula und sogar Schulgründungen, sondern auch pädagogische Konzepte für die jüdische Religionsbildung. Dies hatte zur Folge, dass sich um die Jahrhundertwende erstmals eine eigene Literatur zur Vermittlung religiösen Wissens für jüdische Kinder entwickelte und sich im Laufe des frühen 19. Jahrhunderts verschiedene Genres dieser Literatur herausbildeten, die sich nicht selten auch an den bestehenden Lehrbüchern der christlichen Religion wie z.B. Glaubens- und Sittenlehren orientierten.

Als Erziehungsmittel trugen religiös belehrende Schriften einen wichtigen Teil zum Sozialisierungsprozess des sich transformierenden Judentums bei und spielten eine bedeutende Rolle beim Ausbalancieren des modernen jüdischen Selbstverständnisses im Zuge von Emanzipation, Akkulturation und Verbürgerlichung. Gerade dadurch aber lässt sich die Perspektive auf die Transformation der jüdischen Bevölkerung in den deutschsprachigen Ländern erweitern und vertiefen, insofern sie uns ermöglichen, die praktische Umsetzung und Vermittlung neuer Ideen und religiösen Wandels zu analysieren. Diese Bücher sind daher wichtige Quellen, die jedoch noch am Anfang ihrer Erfassung, Auswertung und Analyse stehen. Erste Forschungsprojekte widmen sich derzeit v.a. bestimmten Genres wie Katechismen oder Kinderbibeln oder aber einzelnen Verfassern solcher Schriften.

Ziel der Tagung ist es, u.a. auch in Hinblick auf den Einfluss christlicher Literatur zur religiösen Unterweisung literaturhistorische, religionsgeschichtliche, funktionale und formale Aspekte und Abhängigkeiten der Werke zu erörtern und die Wechselbeziehung zwischen jüdischer Erziehung, Religion und Prozessen der Modernisierung zu erhellen. Eine weitere Absicht des Workshops ist es, eine erste Bilanz der aktuellen Forschungsprojekte zu ziehen, und sie mit Forschungen zum historischen und theoretischen Umfeld ins Gespräch zu bringen, um dabei eventuelle Grundstrukturen der Entwicklung einer jüdischen religiösen Kinder- und Jugendliteratur herauszuarbeiten.