NFP 67: Teilprojekt "Alternative Religiosität und deren Konsequenzen am Lebensende"

Nationales Forschungsprojekt NFP 67: Lebensende

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Projektbeschreibung Teilprojekt " Alternative Religiosität und deren Konsequenzen am Lebensende"

In der Schweiz nimmt die Bedeutung alternativ-religiöser Konzepte und Praktiken aufgrund der tiefgreifenden Veränderung der religiösen Landschaft stetig zu. Merkmale dieser alternativen Formen von Religion sind vielfach der Bezug auf das Individuum, Weltbejahung, Skepsis gegenüber der Konzeption eines personalen Gottes und religiösen Institutionen sowie die Berufung auf "Spiritualität" anstatt "Religion". Die Studie untersucht solche Formen von Religion hinsichtlich der Begleitung am Lebensende anhand von sechs Fallstudien. Dazu gehören ein Hospiz für schwer Kranke und Sterbende, zwei Palliativstationen, ein anthroposophisches Alters- und Pflegeheim sowie ein anthroposophisches und ein konventionell medizinisches Krankenhaus, die Palliative Care in der Grundversorgung anbieten.

Indem sich die Studie auf diejenige Phase des Lebens konzentriert, in der sämtliche Akteur*innen vom kurz bevorstehenden Tod ausgehen, wird die Bedeutung alternativer Formen von Religion sowohl für die Gesundheitseinrichtung und ihre Mitarbeitenden als auch für die schwer Kranken und Sterbenden untersucht. Die relevanten Akteur*innen – samt ihren Erfahrungen, Bedürfnissen und Herausforderungen – werden vermittels ethnographischer Verfahren, qualitativer Interviews und Textanalysen erhoben.

Die Studie liefert neue Erkenntnisse zu den Konsequenzen alternativer Formen von Religion in der Begleitung am Lebensende. Sie zeigt u.a., dass neben den Ärzt*innen und Pflegenden vor allem alternative und komplementäre Therapeut_innen einen wichtigen Beitrag leisten, wenn es um alternativ-religiöse Konzepte und Praktiken geht. Unabhängig ihrer weltanschaulichen resp. religiösen Zugehörigkeit (wie z.B. zur Anthroposophie) schaffen sie Raum für Handlungsformen, die über die herkömmliche Versorgung hinausgehen. Häufig kommt diese Art der religiösen resp. spirituellen Begleitung indessen ohne die Verwendung von Sprache aus, womit die alternativ-religiösen Referenzen implizit bleiben. Daraus resultiert, dass die meisten Handlungsformen vornehmlich körperorientiert sind, was einen Bedarf an gesprächsorientierten Formen der Begleitung entstehen lassen kann. Hier hat die Studie aufgezeigt, dass sich z.B. gerade anthroposophische Ärzt*innen eher befähigt und verantwortlich fühlen, auch religiöse resp. spirituelle Aspekte zu thematisieren, während es weniger alternativ sozialisierten Akteur*innen (wie z.B. Pflegenden oder konventionell religiösen Seelsorgenden) zuweilen am notwendigen Vokabular, aber auch an der Bereitschaft fehlt, solche Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Projektleitung

Prof. Dr. Dorothea Lüddeckens, Universität Zürich (Webseite)
Prof. Dr. Rafael Walthert, Universität Zürich (Webseite)
Prof. Dr. Helmut Zander, Universität Fribourg (Webseite)

Promotionsprojekte

Die Transformation der anthroposophischen Medizin am Beispiel der Palliative Care

Dr. des. Philipp Karschuck

Komplementärmedizinische Angebote und spirituelle Konzepte gewinnen in der Palliative Care zunehmend an Bedeutung und ergänzen konventionelle Ansätze. Am Beispiel der anthroposophischen Palliative Care lassen sich umfassende Veränderungsprozesse der anthroposophischen Medizin sowie pragmatische Reaktionen auf Entwicklungen im Gesundheitswesen seit 1920 nachweisen. Gegründet von Rudolf Steiner (1861–1925) und der Ärztin Ita Wegman (1876–1943) im Schweizerischen Dornach bei Basel, basieren Theorie und Praxis der anthroposophischen Medizin auf der konventionellen akademischen Medizin. Dabei sind zusätzliche anthroposophische Therapiemethoden – wie etwa äußere Anwendungen, spezifische Heilmittel und Kunsttherapien – in die allgemeine Palliative Care eingeflossen. Auch heute sind die historischen Konzepte wichtiger Bestandteil des klinischen Alltags. Ungeachtet der Tatsache, dass die weltanschaulichen Hintergründe der anthroposophischen Medizin bisher weitgehend unbekannt sind, erfreuen sich komplementärmedizinische Praktiken hoher Resonanz bei den Patienten, da sie von konventioneller Seite nicht angeboten werden.

Publikation:
Die Transformation der anthroposophischen Medizin am Beispiel der Palliative Care

Religion, Spiritualität, Medizin. Alternative Religiosität und Palliative Care in der Schweiz

Dr. des. Mirjam Mezger

Die Palliative Care hat den Auftrag, den religiösen und spirituellen Bedürfnissen von Sterbenden entgegenzukommen. Doch welche Form kann religiöse Betreuung in einem Umfeld, das von naturwissenschaftlicher Medizin bestimmt wird, annehmen? Welche Rolle spielt dabei die Spiritual Care? Und findet alternative Spiritualität im Krankenhaus vielleicht eher Platz als konfessionell gebundene Religiosität? Mirjam Mezger geht diesen Fragen nach und liefert mit ihrer qualitativen Studie praxisnahe Antworten.

Publikation:
Religion, Spiritualität, Medizin. Alternative Religiosität und Palliative Care in der Schweiz

Selbstermächtigung am Lebensende: Eine religionswissenschaftliche Untersuchung alternativer Sterbebegleitung in der Schweiz

Dr. des. Barbara Zeugin

Insofern alternative Formen von Religion in der Schweiz zunehmen, ist es nicht erstaunlich, wenn in der Begleitung am Lebensende auch alternativ-religiöse Praktiken und alternative Heilverfahren sowie die entsprechenden Rationalisierungen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Rekonstruktion einer solchen, als alternativ aufgefassten Sterbebegleitungspraxis führte die Religionswissenschaftlerin erstens in ein Hospiz für schwer Kranke und Sterbende und zweitens in ein anthroposophisch-medizinisches Spital, wo sie beobachtend und fragend u.a. der Frage nachging, wie sich die Alternativität dieser Praxis zum Selbstanspruch der Palliative Care verhält, die schwer Kranken und Sterbenden auch spirituell zu begleiten?